Putins Chamäleon, Wahl-Manipulator – und Nachfolger?

Sergej Kirijenko hat die Putin-Wahl organisiert und manipuliert, ist Politchef im Kreml, oberster Propagandist, Statthalter im Donbas und einer der wenigen Vertrauten Putins. Ist er der kommende Präsident Russlands?

Enge Vertraute oder bereits Rivalen? Sergeij Kirijenko, erster stellvertretender Stabschef des Präsidialamts im Kreml, und sein Chef, Präsident Wladimir Putin. Foto: Picture Alliance

Adolf Hitler hatte seinen Kanzleichef Martin Bormann. Josef Stalin setzte auf Lawrentij Pavlovitsch Berija als seine rechte Hand. Mao vertraute Zhou Enlai. Despoten und Diktatoren haben häufig eine skrupellose Schlüsselfigur als persönlichen Vertrauten im Zentrum der Macht. In Moskau wird diese Rolle gerade neu besetzt. Sergej Kirijenko gilt seit der manipulierten Wiederwahl Putins als dessen neue rechte Hand. Kirijenko ist Putins Politikchef im Kreml und steht seit dem Giftanschlag auf den kürzlich verstorbenen Alexej Nawalny auf der Sanktionsliste der Europäischen Union. Er hat dafür gesorgt, dass die Wahlen in Russland im Sinne des Kremls über die Bühne gehen. Kirijenko kontrollierte die Parteien, kuratierte die Kandidatenlisten, organisierte die großen Propaganda-Events. Ein Dokumenten-Leak aus dem Kreml, das über das estnische Medium Delfi an das ZDF gelangte, zeigt, wie Kirijenko die Propagandamaschine aufbaut bis hin zum „Institut für Internetentwicklung“.

Musterschüler mit zunehmender Macht

Offiziell trägt Kirijenko einen harmlosen Amtstitel als „Erster stellvertretender Stabschef des Präsidialamts“. In Wahrheit ist er Politikchef im Kreml und hat sich in den vergangenen Monaten immer sichtbarer als Putins Zampano in den Vordergrund gedrängt. Er gilt als großer Gewinner der Machtkämpfe im Kreml, am sichtbarsten seit ihn Putin zum Statthalter der besetzten Ost-Ukraine berufen hat. Dort organisierte er die Scheinreferenden, mit denen Russland die völkerrechtswidrige Annexion legitimieren will, und dreht Propagandafilme von seinen Besuchen an der Front.

Als Putins Aufräumer im Donbas erweiterte Kirijenko im Verlauf des Krieges seine Machtbasis sichtbar für die russische Öffentlichkeit. Als Anfang März das Weltjugendfestival in Sotschi zu einer spektakulären Propagandashow im russischen Staatsfernsehen übertragen wurde, war er der große Organisator.

Kirijenko gilt als Putins schlauer Musterschüler und sieht genauso unspektakulär aus wie sein offizieller Amtstitel klingt: ein kleiner, glatzköpfiger Mann mit Brille und Technokratenaura. Doch gilt er als blitzgescheit und Vordenker von Putins Staatsideologie, seine Propagandaabteilungen betreuen inzwischen die Kremlkommunikation im Internet. Kirijenkos Sohn ist passenderweise der CEO des russischen Facebook, Vkontakte.

Geschmeidigkeit als persönliches Erfolgsrezept

Kirijenko hat eine bemerkenswerte Karriere hinter sich. Er gehört nicht zu Putins berüchtigtem Petersburger Geheimdienstschlägertrupp. Der Akademikersohn wuchs in Sotschi und Nischni Nowgorod auf, studierte Schiffbau, während der Perestroika gründete er eine Bank und eine Ölgesellschaft. Seine erste politische Leitfigur war der liberale Gouverneur Boris Nemzow, der ihn als Vizepremier nach Moskau holte. Im März 1998 wurde Kirijenko, mit gerade 35 Jahren, sogar zum Premierminister Russlands ernannt – nominell der Höhepunkt seiner Karriere. Er galt als Hoffnungsträger des liberalen Aufbruchs. Die kommunistische Opposition verhöhnte ihn damals als „Kinderüberraschung“.

Nach seinem Sturz sprang der geschmeidige Technokrat von Spitzenjob zu Spitzenjob, Putin schickte ihn nach der Wahl zum Präsidenten als seinen Statthalter an die Wolga, um aufmüpfige Regionalisten zu bändigen. Danach wurde er Chef des staatlichen Atomkonzerns Rosatom. Kirijenko, der in seiner Freizeit recht aggressiv unterwegs ist und Samurai-Kampfsport, Action-Shooting sowie Sportjagd praktiziert, kümmert sich mal um die Kirchenbeziehungen des Kreml, dann wieder um die Elite-Universitäten. Als Ukraine-Kriegsgewinnler tritt er nun so sehr ins Rampenlicht, dass ihm sogar Ambitionen auf die Nachfolge Putins nachgesagt werden. Schließlich war er ja schon einmal Premierminister. In Geheimdienstkreisen wird er „Chamäleon des Kremls“ tituliert, der seine Rollen spielend wechseln könne. Er habe mit liberalen Oligarchen ebenso gut gekonnt wie mit brutalen KGB-Generälen. Schon seine namentliche Herkunft hat Kirijenko gewechselt wie ein Hemd. Denn Sergej Wladilenowitsch wurde am 26. Juli 1962 als Sohn eines jüdischen Vaters und promovierten Philosophen mit dem Nachnamen „Israitel“ geboren. Vermutlich hielt er den für karriereschädlich und nahm lieber den ukrainischen Geburtsnamen der Mutter an.

Quelle: The European