Das neue Führungstrio der Union

Armin Laschet durchleidet einen Sommer des politischen Niedergangs. Seine Umfragewerte fallen immer tiefer. Die Chancen auf CDU-Vorsitz und Kanzlerkandidatur schwinden. Gleichwohl ist er zum Durchhalten verdammt, während sich ein neues Triumvirat der Macht formiert.

Es ist ein sommerliches Umfrage-Massaker für Armin Laschet. Im Tagestakt kommen derzeit Meinungsforscher mit Stimmungsberichten aus der Bevölkerung. Laschet versus Söder, Laschet versus Spahn, Laschet versus Merz – was immer man fragt, immer ist der nordrhein-westfälische Ministerpräsident der klare Verlierer. In der vergangenen Woche triumphierte Markus Söder in der K-Frage. In dieser Woche deklassiert Friedrich Merz seinen Konkurrenten im direkten Duell.

In weiten Teilen der Bevölkerung hat Laschet mit seinem wankelmütigen Krisenmanagement der Pandemie offenbar empfindlich an Reputation verloren. Innerhalb der CDU glauben immer weniger Mandatsträger, dass Laschet auf dem anstehenden Parteitag zum Vorsitzenden und Kanzlerkandidaten gewählt wird. “Er wird sich von dem Sommer-Debakel nur schwer erholen können. Die Sieger-Aura ist dahin. Wir müssen uns wohl neu orientieren”, sagt ein Präsidiumsmitglied in Berlin.

Erste Bundestagsabgeordnete fordern bereits offen Laschets Rückzug. Im Spahn-Lager wird die Idee eines Führungswechsels im Tandem mit Laschet eifrig kolportiert. Im Söder-Lager wiederum fände man diesen Tandemwechsel perfekt, um von einem jungen CDU-Vorsitzenden Spahn hernach die Kanzlerkandidatur nach München angetragen zu bekommen. Die Bilder der symbolträchtigen Reise von Angela Merkel in die Königsschlösser Söders wirken in die CDU hinein wie eine gefühlte Zepter-Übergabe mit dem Subtext: Laschet hat ihre Gnade nicht.

Und doch sind all diese Rechnungen ohne Laschet gemacht. Die schrillen Frontal-Attacken des nordrhein-westfälischen Innenministers Herbert Reul gegen Markus Söder gelten in der Union zwar als ungeschickter Verzweiflungsangriff des Laschet-Lagers gegen seinen bayerischen Konkurrenten. Der Vorgang zeigt aber auch, dass Laschet das Rennen noch nicht aufgegeben hat. Er wird seine Position nicht ohne Weiteres räumen. Vor allem wird er sich nicht – wie manche im Söder-Lager gehofft hatten – mit einer vagen Option aufs Bundespräsidentenamt abschieben lassen und auf eine Kandidatur verzichten. Im Umfeld Laschets hört man vielmehr, dass der Fall AKK gezeigt habe, wie schnell Stimmungen sich drehen können und man also nicht frühzeitig aufgeben solle.
“Würselen und Aachen liegen dicht beieinander”

Ein Rückzug Laschets, den manche in der Union jetzt herbeireden wollen, ist damit nicht zu erwarten. Würde Laschet in den kommenden Wochen von seinen Ambitionen zurücktreten, dann stünde er als der größte politische Verlierer des Jahres 2020 gebrandmarkt da und hätte auch seine Wiederwahl in NRW schwer gefährdet. Der politische Preis des Rückzugs ist für ihn höher als der, an der Kandidatur bis in den Parteitag hinein festzuhalten. Laschet ist unter den Akteuren der Merkel-Nachfolge derjenige, der am meisten zu verlieren hat.

Kurzum – Laschet muss durchhalten und mit gequältem Lächeln weiter auf Sieg spielen. Damit bahnt sich eine kleine Tragödie in der CDU an. Denn mit momentaner Stimmungslage kann Laschet auf dem Parteitag gegen Friedrich Merz nicht gewinnen, er kann aber auch nicht vorher aufgeben. Laschet droht damit über Monate hinweg aufgerieben und niedergeschrieben zu werden. Mit jedem CDU-Hinterbänkler, der jetzt nach Söder, Merz oder Spahn ruft, wird sein Ruf weiter beschädigt. Ein Hauch von Martin Schulz legt sich über die Union, “Würselen (die Heimat von Schulz) und Aachen (die von Laschet) liegen dicht beieinander”, raunen sich besorgte Unionisten inzwischen zu.

Söder, Merz und Spahn können den Verlauf der Laschet-Demontage relativ gelassen verfolgen. Jeder von ihnen ist derzeit im Aufwind. Jeder könnte bei einer Niederlage Laschets ganz nach oben aufsteigen. Merz hätte große Chancen, im direkten Duell gegen Laschet auf dem Parteitag zu siegen. Söder hat – egal wer CDU-Vorsitzender wird – gute Karten, die Kanzlerkandidatur für sich zu gewinnen. Jens Spahn hat – egal wer neuer Kanzler wird – 2021 die Chance, neuer Unions-Fraktionschef zu werden. Friedrich Merz würde sich selbst bei einer Niederlage auf dem Parteitag die Option auf das Finanz- oder Wirtschaftsministerium eröffnen.

Innerhalb der Union formiert sich darum dieser Tage bereits ein neues Machtzentrum um das Triumvirat, denn politische Macht lebt von der Erwartung ihrer eigenen Expansion. Und das ist bei allen Dreien gegeben.

Und so ist es ein bemerkenswerter Zufall, dass das Dreigestirn sich in diesem Sommer der Entscheidung am schönen Tegernsee einfindet; just da, wo weiland Helmut Kohl und Franz-Josef Strauß die Kanzlerkandidatur bei einer Männerwanderung unter sich abgemacht haben. Jens Spahn urlaubt diese Woche am Tegernsee, Friedrich Merz hat dort ein Ferienhaus und Markus Söder kommt regelmäßig zur Kabinettsklausur an den See. Der Geist von Franz-Josef Strauß wird zugegen sein – und womöglich auch dessen Losung: “Es ist mir egal, wer unter mir Kanzler wird.” Nur halt Laschet nicht.

Quelle: The European

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